Warum Feminismus und der Kampf für die Gleichstellung notwendig ist und erst enden darf, wenn Frauen den Männern zu 100% gleichgestellt sind, wird zuweilen nicht nur unzureichend verstanden, sondern es gibt gar Versuche, es zu verhindern. Aus Sicht der Männer ist es häufig die Angst, nach dem Patriarchat könne nur das Matriarchat folgen, womit das Machtgefälle umgekehrt würde. Auf Macht zu verzichten ist die größte Verlustangst derjenigen, die sie innehaben.

Frauen hingegen haben die unterschiedlichsten Gründe, dem Feminismus nicht nur kritisch gegenüberzustehen, sondern ihn gar abzulehnen. Leider gibt es viele Frauen, die glauben, das Patriarchat sei der beste Weg, sich als Frau „weiblich“ fühlen und geben zu können. Ebenso gibt es Frauen, die Bedenken haben, Frauen könnten die politischen Geschicke schlechter leiten als ein Mann. Ebenso sind manche Frauen zu sehr in ihrer Religion verhaftet, die ihnen einredet, dass die Frau dem Manne Untertan zu sein habe. Zudem kommt intrigantes Verhalten aus Missgunst und Dummheit hinzu.

Ich weiß, kein Mensch bezeichnet sich selbst als dumm oder ungebildet, außer sehr intelligenten Menschen, die um die eigenen Grenzen ihres Wissens nicht nur wissen, sondern es gar zugeben.

Dummheit führe ich hier an, da ich oft höre, dass es gegen die „Weiblichkeit“ sei, sich feministisch zu verhalten. In einigen Köpfen scheint feministisches Verhalten gleichbedeutend mit „männlichem“ Verhalten zu sein. Frauen sind in diesen Köpfen ungehobelte, ungepflegte Menschen, die ihre Macht ausnutzen möchten und Männer „abschaffen“ wollen. Gerne wird argumentiert, dass nur frustrierte, alte und hässliche Frauen feministisch leben und handeln. Die Meinung, Feministinnen müssten nur mal ordentlich „rangenommen“ werden, damit sie ihre Weiblichkeit entdecken, wird nicht nur von Männern vertreten.

Klingt logisch! Wenn man erst mal so richtig durchgenudelt wurde, trifft einen ein Geistesblitz, dass man sofort den Haushalt ganz allein und mit Vorliebe macht, ebenso fängt man an zu kochen und zu backen, dem Mann alles rechtzumachen, da es nichts Schöneres geben kann.

Ich wurde bereits feministisch erzogen. Wer nun glaubt, es sei eine Frau gewesen, die mich vor allem darin unterstützte, mich als Frau nicht unterkriegen zu lassen, irrt. Es war mein Großvater, der mir schon als kleines Mädchen immer mit auf den Weg gab: Lass dich nicht beirren, Mädchen können alles, was auch Jungen können, Frauen können, was Männer können. Wir alle sind Menschen, nicht mehr und nicht weniger.

Meine Großeltern lebten in einer Partnerschaft auf Augenhöhe, die einzige Form einer Partnerschaft, die für mich richtig ist. Wer sich bereits in einer Partnerschaft auf ein Machtgefälle einlässt, wird es in der Welt kaum anders schaffen.

Um die Brisanz und Wichtigkeit des Feminismus darzustellen, werde ich dich in dieser Serie in verschiedene Epochen und Szenarien unterschiedlicher feministischer Errungenschaften mitnehmen.

Doch zuerst erfährst du, wie es war, als es keinerlei feministische Errungenschaften gab, wie Frauen lebten, bevor sie als mündige Menschen angesehen wurden.

Auch wenn es bereits einige weibliche Herrscherinnen gab, so waren in den größten Teilen der Welt Frauen bis ins 19. Jahrhundert weder erbberechtigt, noch durften sie ein eigenes Vermögen verwalten und standen unter der Vormundschaft eines männlichen Verwandten oder des Ehemannes. Einzige Ausnahme war eine Witwe, die sowohl das Vermögen des verstorbenen Ehemannes erbte als auch seine Geschäfte weiterführen durfte.

Sicher gab es Ausnahmefrauen, die es jedoch nur mithilfe ihrer Familie und/oder Ehemänner schafften, ein mündiges Leben zu führen und ein eigenes Vermögen zu besitzen und verwalten. Jedoch war dies nicht öffentlich, sondern nur ein gestattetes mündiges Leben.

Eine dieser Ausnahmefrauen war Jane Austen, die in ihren Büchern sehr deutlich schrieb, wie sich das Leben der Frauen im 18. und 19. Jahrhundert in England gestaltete.

Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, ob Jane Austen eine der ersten Feministinnen war oder nicht. In meinen Augen war sie es.

In jedem ihrer Romane zeigt sie sehr deutlich auf, dass eine Frau ohne Ehemann nicht existieren kann. Dass Mädchen zu diesen Zeiten so erzogen wurden, dass es das Wichtigste ist, einen Ehemann zu finden.

In all ihren Romanen ist dies präsent. Auch wenn die Romane romantisch anmuten, so steckt sehr viel mehr darin. Jane Austen, die niemals verheiratet und von der Gunst ihrer Familie abhängig war, weist sehr deutlich auf, dass eine Frau ohne Ehemann ein Niemand ist. Eine Frau darf kein Vermögen verwalten, sie darf nicht erben und würde im Falle des Todes ihres Vaters sogar aus dessen Haus verwiesen werden.

In unseren vielen redaktionellen Gesprächen, ob Jane Austen eine Feministin war, die mit ihren Romanen auf diese Missstände in der Gesellschaft aufmerksam machen wollte, waren wir uns einig, dass man ihre Werke, wenn auch nicht ganz eindeutig als Aufklärung über die Rolle der Frau im 18. und 19. Jahrhundert ansehen kann.

Nicht nur, dass sie sehr eindeutig schrieb, dass eine Frau zu heiraten hat, so wird ebenfalls sichtbar, dass Ehen arrangiert wurden und man nur innerhalb des eigenen Standes heiraten durfte. Ehen wurden bis ins 20. Jahrhundert auch in Deutschland arrangiert, zuweilen werden sie noch immer arrangiert. Nur würde das heute niemand mehr zugeben.

Auch die Kämpfe ihrer Romanheldinnen, eine Liebesheirat einzugehen, zuweilen gar Standesübergreifend, ist eine Ermahnung, dass es per se nicht gestattet war, unter oder über dem Stand zu heiraten und die Wichtigkeit arrangierter Ehen deutlich herausgestellt wurden.

Vor allem ihr größter Erfolg „Stolz und Vorurteil“ weist all die Hindernisse auf, die eine Frau in diesen Zeiten zu nehmen hatte.

Männer wie Mr. Darcy, loyal, mit Frauen auf Augenhöhe kommunizierend und den Standesdünkel übergehend, gab es in solchen Zeiten nicht, sie mussten erfunden werden. Auch heute gibt noch immer zu wenige Männer, die sich als so loyal erweisen und mit einer Frau auf Augenhöhe kommunizieren. Zumindest im Patriarchat. Nicht nur in den Königshäusern wird darauf geachtet, ob die zukünftige Frau oder der zukünftige Mann „würdig“ ist.

Selbstverständlich sind wir heute weitaus gleichgestellter als noch im 19. Jahrhundert. Per Grundgesetz sind wir auch gleichberechtigt, doch sind wir noch lange nicht gleichgestellt.

Derzeit zeigt sich sogar eine Tendenz auf, dass manche in der Gleichstellung gar lieber Rückschritte machen wollen.

Möchtest du tatsächlich vollkommen von einem Mann abhängig sein? Wenn du diese Frage mit „Nein“ beantwortest, bist du Feminist:in, herzlich willkommen!